/// Das lange brennende Mikro 2020 – Die Nominierten

 

/// Das lange brennende Mikro des 11. Berliner Hörspielfestivals 2020 geht an „Die Hauser-Show“ von Ralf Wendt

Rückblickend auf die 183 Einreichungen zum 11. Berliner Hörspielfestival 2020 kann man einen Motivkomplex erkennen, die sich in verschiedensten Formen durch unterschiedlichste Hörstücke gezogen hat. Es ist das Thema der Grenze, der Grenzziehung, der Grenzverletzung, der Grenzüberschreitung und der Entgrenzung. Grenzen sind die Voraussetzung für Grenzüberschreitungen, einerseits – andererseits sind Grenzen auch die Voraussetzung für Identitätsbildungen. Wer körperliche Grenzen verletzt, wird sanktioniert, wer seine eigenen Körpergrenzen verletzt, wird transformiert. Und ein großer „Transformator“ bekommt dieses Jahr den Jurypreis des BHF.

/// Das lange brennende Mikro des 11. Berliner Hörspielfestivals 2020 geht an das Stück eines Grenzverletzers, der nicht nur mit den Grenzens des Mediums Radio spielt, sondern sich auch als Performer für seine Kunst einsetzt und dabei seiner Kunst aussetzt. Als Vogelmensch „Hauser in the Woods“ durchstreift der Ornithologe Ralf Wendt Halle an der Saale und die Saale-Auen bei Holleben.

Er, Hauser, tritt in der Radioshow „Frontal“ eines fiktiven Ostdeutschen Rundfunks auf – und bleibt dort stumm, nur um sich umso vernehmlicher aus der Ortlosigkeit eines anderen akustischen Raums zu äußern. Das „rao rao“ an einer Stelle des Hörspiel zitiert das älteste vollständig erhaltene deutsche Hörspiel „SOS … rao rao … Foyn“ von Friedrich Wolf. Am 5. November 1929 von der Reichsrundfunkgesellschaft urgesendet, schildert es die Rettungsaktion einer Polarexpedition aus dem faschistischen Italien mit Hilfe eines sowjetischen Eisbrechers – unterstützt von Funk- und Radiowellen.

Andererseits zitiert Wendt ein Gedicht des US-amerikanischen Lyrikers Robert Frost. Ein Gedicht, das in einem amerikanischen Agentenfilm zu einiger Berühmtheit gefunden hat: „Des Waldes Dunkel zieht mich an, / doch muss zu meinem Wort ich stehn / und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.“ Der Film von Don Siegel aus dem Jahr 1977 hat ein Medium im Titel. Er heißt „Telefon“ und das Robert-Frost-Gedicht dient dazu, sowjetische Schläfer-Agenten aufzuwecken, um Sabotageakte zu verüben und dabei umzukommen. Waren die medialen Kanäle von „SOS … rao rao … Foyn“ an eine utopische Zukunft angeschlossen, so waren die Telefonleitungen von Robert Frost und von Don Siegel an die Romantik angeschlossen – an eine schwarze, eine unheimliche Romantik – genauso wie „Die Hauser-Show“ von Ralf Wendt, das Preisträgerstück des langen brennenden Mikros beim 11. Berliner Hörspielfestival 2020.

Berlin, 24. Mai 2020

Die Jury bestand aus Anja Penner, Oliver Sturm, Annette Schmucki und Reto Friedmann vom Duo „blablabor“ und Jochen Meißner (BHF).

Die Hörstücke von 20 bis 60 Minuten in alphabetischer Reihenfolge (#LBM).

Maidon Bader und Thomas Gaevert: Das Haus hat gelbe Fenster / 57:13

„Am Stadtrand steht ein denkmalgeschützes Haus, dem Verfall anheim gegeben. Zwei Frauen treffen dort aufeinander, sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Aus Faszination wird Anziehung, eine Freundschaft entsteht. Doch das Glück ist fragil, bald mischen sich seltsame Untertöne in die häusliche Idylle. Die Waschmaschine läuft, obwohl niemand sie angestellt hat, keifende Nachbarinnen melden sich zu Wort. Während die eine den Spuk normal findet, wächst der anderen alles über den Kopf.“

Mariola Brillowska: Contemporary Art / 43:39

„Kunst ist hochnäsig. Hält sich für wichtig. Picasso ist eine Witzfigur. Nachträglich. Auch die meisten der berühmten Künstler. Und moderne Künstler sowieso. Was heißt denn modern? Wer ist das denn? Moderne Kunst wird gerne aufwertend ‚Contemporary Art‘ genannt. Gegenwärtige Kunst. Zeitgenossische Kunst. Heißt es. Ist das Kunst oder kann das weg? Es gibt nichts Überflüssigeres als Nachrichten, Schnee, Liebe von gestern. Ist Kunst immer gegenwärtig? Ist sie morgen immer noch aktuell? Nein! Kunst, moderne wie alte, braucht immer Kontext. – Oh je, ich dachte, es geht um Contemporary Kunst. – Ja. Aber es geht auch um Kunst, Kunsttext, Kontext, Diskurs. – Oh, jetzt auch um Diskurs. – Egal. Frau. Mann. Kind. Kunst. Contemporary Art. Picasso. Gertrude Stein. Martin Kippenberger. Meret Oppenheim. Marcel Duchamp. Max Ernst. Man Ray. Parade der Meister. Parodie der Arte.“

Susanne Franzmeyer: Der Zaun / 22:21

„Kollektive Gewalterfahrungen, über die nicht mehr gesprochen werden soll. Wahrheiten, die nicht als solche anerkannt werden wollen. Gewalterfahrungen, die im Verborgenen ausgetragen werden und von denen niemand etwas mitbekommen will. Das alles kommt in der O-Ton-Geberin Martina Winkelmann wieder hoch, als sie nach vielen Jahren zurück in ihr Dorf kommt.“


Thomas Glatz: Wie kann ein Klappmöbel ein Schrei sein und dann auch noch der letzte / 27:00

„Hans Werner hat sich zu Weihnachten eine ‚Künstliche Intelligenz‘ gekauft. Er dokumentiert seine Kommunikationsversuche mit ihr. Nach einem gemeinsamen Essen beim Nobel-Italiener kommt ihm ein unheimlicher Verdacht …“

Tom Heithoff: Drei schwarze Regenschirme / 29:47

„Wenn sich der Kram auf dem Schreibtisch türmt, ist es höchste Zeit, sein Leben in eine neue Richtung zu lenken. Nur wohin? In Schränke, Schachteln, Schubladen? Man kann es ja mal versuchen. Andere schaffen es ja auch.“

Yolanda Rüchel, Tobias Ludwig: Grenzwertige Gegenwart / 47:26

„Es beginnt bei den eigenen Grenzen, die wir oft übergehen – bis wir nicht mehr können und erschöpft nach Kraft suchen. Es geht weiter mit den Grenzen, die wir Anderen ziehen, weil wir nicht hinterfragen, und es erreicht schließlich Grenzlager, Fluchterfahrungen, Diskriminierung und Abschiebungen aufgrund von Grenzen, die Besitz voneinander trennen. Wer zieht diese Grenzen? Was haben Grenzen mit Macht zu tun? Können Menschen ohne Fluchterfahrung über Grenzen urteilen?“

Ralf Wendt: Die Hauser-Show / 24:07

„Eine fiktive Radio-Sendung zu einem ‚autonom‘ aufgewachsnen Menschen, der in Anlehnung an Caspar Hauser den Titel Hauser bekommen hat und eine offenbar schwer zu ergründende Beziehung zu Natur und Vögeln unterhält, gleichzeitig aber eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darzustellen scheint. Die Radiosendung hat unter der Leitung einer Moderatorin den Wissenschaftler Marold Langer-Philippsen eingeladen und auch den ‚Vogelmenschen‘ Hauser selbst.“

​​Fußnote: Die Texte zu den Stücken sind Selbstbeschreibungen der Macherinnen und Macher.
Die für jedes Hörspiel eigens entwickelten Visuals stammen von Josef Maria Schäfers.