Das 2. Berliner Hörspielfestival 2009 – Die Gewinner

Die Gewin­ner des Ber­li­ner Hör­spiel­fes­ti­vals 2009:

/// DAS LANGE BRENNENDE MIKRO

1. Platz: Hun­de­le­bens­be­ra­tung von Tom Heit­hoff

Um einen lang­zeit­ar­beits­lo­sen Hartz-IV-Emp­fän­ger wie­der in die Gesell­schaft zu inte­grie­ren, bedarf es krea­ti­ver Ide­en und inno­va­ti­ver Ansät­ze. Zum Bei­spiel die Schwer­ver­mit­tel­ba­ren mit­tels eines Hun­des zu sozia­lem Ver­hal­ten auf­zu­for­dern und sie dafür mit Euro 11,70 zusätz­lich pro Monat zu för­dern. Dass ein Kli­ent, der es im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re als Leis­tungs­emp­fän­ger zu einer gewis­sen Meis­ter­schaft in hin­hal­ten­dem Wider­stand gebracht hat, es sei­nem Fall­ma­na­ger dabei nicht all­zu ein­fach machen wird, ist der Treib­stoff der die Dia­lo­ge ins Absur­de treibt, ohne im Bloß-Komi­schen, das ledig­lich auf Poin­ten aus ist, ste­cken zu blei­ben. Die Genau­ig­keit in der Impro­vi­sa­ti­on, sowie die Kom­men­ta­re der „Exper­ten“ ver­lei­hen dem Stück einen hohen Grad an Plau­si­bi­li­tät und Rea­lis­mus an deren Ende es nur einen Ver­lie­rer gibt: den Hund.

Sophie Ihle, Barbara Meerkötter, Alexander Schuhmacher, Jochen Meißner, Tom Heithoff, Dominik Stein (v.l.n.r) Foto: Jens Albrecht

Sophie Ihle, Bar­ba­ra Meer­köt­ter, Alex­an­der Schuh­ma­cher, Jochen Meiß­ner, Tom Heit­hoff, Domi­nik Stein (v.l.n.r)
Foto: Jens Albrecht

 

/// Loben­de Erwäh­nun­gen

Der Elek­tro­bar­de von Mar­tin Bez­zo­la

Um einer Maschi­ne das Dich­ten bei­zu­brin­gen, muss man eine gan­ze Welt model­lie­ren. Das gilt im Zeit­al­ter der „abso­lut ver­nünf­ti­gen Wesen“ – dem die in per­ma­nen­ter Feh­de lie­gen­den Kon­struk­teu­re Trurl und Kla­pau­zi­us ange­hö­ren – und das war schon in den 60er Jah­ren so, als Sta­nis­law Lem sei­ne Erzäh­lung „Der Elek­tro­bar­de“ ver­fass­te. Mar­tin Bez­zo­las Bear­bei­tung macht in sei­ner sorg­fäl­ti­gen musi­ka­lisch- geräusch­haf­ten Insze­nie­rung den klapp­ri­gen retro­fu­tu­ris­ti­schen Charme des Tex­tes hör­bar, der mit intel­li­gen­ter Iro­nie die Maschi­nen von Wis­sen­schafts- und Lite­ra­tur­be­trieb mit­ein­an­der ver­schal­tet und außer­dem ganz neben­bei noch als Sati­re auf das Sci­ence-Fic­tion-Gen­re funk­tio­niert.

Repu­blik Piz­za von Cars­ten Bran­dau

Die Natur macht kei­ne Sprün­ge, die Kul­tur schon. Durch Cars­ten Brand­aus „Repu­blik Piz­za“, in der drei Piz­za-Call­boys Bestel­lun­gen abzu­weh­ren ver­su­chen, kalei­do­sko­pie­ren vie­le bun­te Frag­men­te an deren Bruch­kan­ten immer wie­der ande­re Blick­win­kel auf das Gesche­hen ermög­licht wer­den. Viel­leicht ist das Mäd­chen mit dem Plas­tik­krön­chen eine ent­führ­te Schü­le­rin, viel­leicht eine ech­te Prin­zes­sin aus der Unter­welt der Piz­za-Repu­blik. Akus­tisch lie­be­voll insze­niert, wird auf meh­re­ren Ebe­nen ein sur­rea­les Mär­chen erzählt und zum Schluss wird Call­cen­ter­knecht Fup­py­boy, der viel­leicht ein Prinz ist, doch noch geküsst in sei­nem grü­nen Frosch­kos­tüm.

Kopf­jä­ger von Sophie Ihle, Felix Engel und Bene­dikt Strunz

Dass eine Hass­lie­be sich nach dem Tode noch inten­si­vie­ren kann, beschrei­ben Sophie Ihle, Felix Engel und Bene­dikt Strunz in ihrem Hör­spiel „Kopf­jä­ger“. Denn wenn es um den Ruhm 2.0 – den nach dem Tode – geht, dann schreckt selbst der Dich­ter­fürst Goe­the nicht davor zurück, den Toten­schä­del sei­nes ver­stor­be­nen Kon­kur­ren­ten Schil­ler zu mal­trä­tie­ren. Im Wech­sel von Spiel­sze­nen mit hohem Unter­hal­tungs­wert und Fea­ture-Ele­men­ten chan­giert das Stück zwi­schen Fik­ti­on und Doku­dra­ma und hält, was es nicht ver­spricht.

›› Die Jury

 

/// DAS KURZE BRENNENDE MIKRO

1. Platz: Ganz klein am Hori­zont von Robert Schoen

2. Platz: Eine Zukunfts­vi­si­on von Mer­le Mol­ken­t­hin

3. Platz: Das ist kein Nage­tier von Sarah Trilsch

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Ivo Lotion, Robert Schoen (Foto: Frank Fep­pon)

 

›› Alle Hör­spie­le im Wett­be­werb 2009 (Daten­bank)

›› Das Fes­ti­val-Pro­gramm 2009

 

Wie war’s denn 2009? Hier der Rück­blick

Vom 24. bis 26. Juli fand nun schon zum zwei­ten Mal das BERLINER HÖRSPIELFESTIVAL SOMMER 2009 im Strand­bad Wei­ßen­see statt. Aus 119 Ein­sen­dun­gen hat­ten wir ein drei­tä­gi­ges High­light-Pro­gramm mit ins­ge­samt 20 Hör­spie­len zusam­men­ge­stellt.
Mode­riert wur­de die Ver­an­stal­tung von Ivo Smo­lak aka Ivo Lotion, dem berüch­tig­ten Mode­ra­tor der berühm­ten Poe­try-Musik-Revue ››› Lokal­run­de im Ber­li­ner Admi­rals­pa­last.

Viel­leicht fan­gen wir mal mit den Kata­stro­phen an. Der Strom­aus­fall zum Bei­spiel, der ein stum­mes Loch in das Stück „Kopf­jä­ger“ von Sophie Ihle, Felix Engel, Bene­dikt Strunz gehackt hat­te. Das Licht ging aus. Panik bekam das Publi­kum nicht, nur wir. Ivo Lotion, unser Mode­ra­tor war qua­si für uns ver­schwun­den, denn sein Funk­mi­kro war tot. Das war die schöns­te Pan­ne vom Frei­tag.

Die schöns­te Pan­ne des Sams­tags ereig­ne­te sich wäh­rend des Wett­be­werbs um den Publi­kums­prei­ses – dem Kur­zen Bren­nen­den Mikro. Es fing an zu stür­men, die Zelt­fo­lie warf Wel­len und die Schwing­tü­ren spiel­ten thea­tra­lisch Salon-Türen. Das ist wie, wenn beim Ski­sprin­gen ein Orkan kommt oder Rehe auf der Renn­stre­cke bei For­mel Eins. Das betrof­fe­ne Stück hieß Ganz klein am Hori­zont von Robert Schoen. Manch Einer hat­te dann gesagt, der Regen habe zum Stück gepasst. Wie auch immer – die­ses Stück gewann /// DAS KURZE BRENNENDE MIKRO. „Ganz klein am Hori­zont“ ist eine sehr ehr­li­che und rea­lis­ti­sche Chat-Kon­ver­sa­ti­on eines Bit-indu­zier­ten Blind Dates.

Merle Molkenthin, Ivo Lotion und Robert Schoen. Foto: Frank Freppon

Mer­le Mol­ken­t­hin, Ivo Lotion und Robert Schoen.
Foto: Frank Frep­pon

Ganz klein am Hori­zont“ war eini­ger­ma­ßen dicht gefolgt von vier wei­te­ren Stü­cken, die alle nur einen Punkt Unter­schied zuein­an­der hat­ten. Der zwei­te Platz ging an Eine Zukunfts­vi­si­on, pro­du­ziert von einer jun­gen Frau, Namens Mer­le Mol­ken­t­hin. Sie stu­diert zwar völ­lig fach­fremd „Tech­ni­schen Umwelt­schutz“, aber eines Tages muss sich wohl ein Krea­tiv­blitz in ihrem unmu­si­schen Stu­di­en­all­tag ent­la­den haben, der Mer­le mit einem Mal auf eine Couch kata­pul­tiert hat, auf der man sie dann gefragt hat, wie­viel Hör­spie­le sie denn schon gemacht habe und Mer­le dann ant­wor­te­te „Sonst keins.“

Auf den drit­ten Platz lan­de­te eine Art Bild­röh­ren-Traum von Sarah Trilsch: Das ist kein Nage­tier! Sarah Trilschs Stück schaff­te es vom ers­ten Satz an, uns in die Laut­spre­cher zu zie­hen und uns 15 Minu­ten lang mit­zu­neh­men. Sehr sym­pa­thisch, plas­tisch und bunt.

Es soll nicht uner­wähnt blei­ben, dass Stumm­fisch wird Schaum­zahnvon Ricar­da Fran­zen und Anselm Schul­in, mit einer Stim­me Abstand nur ganz knapp das Sie­ger­trepp­chen ver­fehl­te.

Im Lauf der drei Fes­ti­val­ta­ge hat­ten wir uns schließ­lich im gemüt­li­chen Strand­bad­zelt ein­ge­wöhnt. Letzt­lich setz­te sich unter den Gäs­ten und Hör­spiel­ma­chern, und auch bei uns, die Erkennt­nis durch, dass das Zelt sicher­lich eine bes­se­re Akus­tik gewähr­leis­tet, als der offe­ne Strand. Und die gro­ßen Fens­ter boten immer noch einen schö­nen Aus­blick auf den dunk­len See und die oran­ge beleuch­te­ten Strand­bad­schir­me davor.

Am Sonn­tag war dann der for­mel­le Höhe­punkt: Die Preis­ver­lei­hung für /// DAS LANGE BRENNENDE MIKRO – Dem Preis für das Jury-gekür­te Lang­hör­spiel. Die­ses Jahr konn­te die Jury sich zwar auf einen ein­zi­gen Ers­ten Platz eini­gen, wie es sich gehört, aber nicht auf einen ein­zel­nen zwei­ten und drit­ten. Drei Stü­cke beka­men von der fünf­köp­fi­gen Jury den ehr­ba­ren zwei­ten Platz beschei­nigt. Die unzer­trenn­li­chen, unwäg­ba­ren Stü­cke sind in alpha­be­ti­scher Rei­hen­fol­ge: Der Elek­tro­bar­de von Mar­tin Bez­zo­la, Kopf­jä­ger von Sophie Ihle, Felix Engel, Bene­dikt Strunz und Repu­blik Piz­za von Cars­ten Bran­dau.

Das Preis­geld für den Ers­ten Platz ging an Tom Heit­hoff mit Hun­de­le­bens­be­ra­tung. Das doku­men­ta­risch ange­leg­te Stück unter­sucht die neue wis­sen­schaft­li­che The­se, ob Arbeits­lo­se mit Hund wirk­lich weni­ger aggres­siv sind, weni­ger Sau­fen und schnel­ler Reso­zia­li­siert wer­den kön­nen. Tom Heit­hoff beglei­tet einen Lang­zeit­ar­beits­lo­sen, dem als Ers­ter ein neu­es För­der­pro­gramm ange­bo­ten wird: Sein Sach­be­ar­bei­ter teilt dem Tau­ge­nichts einen Agen­tur­hund vom Tier­heim zu.

 

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