9. BHF Das war der dritte Tag 1 /// Das lange brennende Mikro

Beim Wettbewerb um den Jurypreis /// Das lange brennende Mikro für ein Stück mit einer Länge von 20 bis 60 Minuten gab es gleich drei Gewinner. Den zweiten Preis teilten sich Silvia Plail mit ihrem Stück „Hanna“ und Tom Heithoff mit „Dummrum“.

Tom Heithoff, Silvia Plail, Natascha Gangl, Jochen Meißner. Bild: Golo Föllmer.

Tom Heithoff, Silvia Plail, Natascha Gangl, Jochen Meißner. Bild: Golo Föllmer.

Wir haben nur die Konservere gehört, aber Autorin Natasha Gangl geht zusammen mit dem Elektroakustikduo Rdeča Raketa und ihrem Gewinnerstück „Wendy Perd Tod Mexiko“ auf live auf Tour. Das Stück basiert auf dem Prosadebüt der Autorin „Wendy fährt nach Mexiko“

Gangl_Wendy Pferd Tod Mexiko_Trailer

 Die Begründung der Jury

Wenn eine Reihung von Substantiven ausreicht, um eine Geschichte zu erzählen, oder genauer gesagt, eine Geschichte zu vermeiden, braucht es keine Verben. In „Wendy Pferd Tod Mexiko“, dem akustischen Bilderzyklus von Natascha Gangl und dem Elektroakustik-Duo Rdeča Raketa (das sind Maja Osojnik und Matija Schellander) reichen zwei Eigennamen und zwei Substantive aus, um den kulturellen Kosmos zwischen der Heldin eines präpubertären Pferdefreundinnen-Comics und dem mexikanischen Totenkult entstehen zu lassen.

Da öffnet sich „eine Geschichte, die jemand geworfen hat ohne Ziel“ und sie trifft die Hauptfigur mit den dicken blonden Haaren wuchtig mitten in die Stirn – ein Augapfel fällt heraus und ihr wird die Frage gestellt: „Was willst Du sehen?“ Aus der (Kunst-)Geschichte des Surrealismus wissen wir, dass der erste Schnitt durch das Auge geht. Und was ist das Schlussbild in Natascha Gangls Hörspiel anderes als ein surrealistisches, auf dem ein Pferdekadaver wieder Fleisch ansetzt und zu singen beginnt. Vielleicht weil er das Wort gefunden hat, dass im Spanischen jeden Tag wieder neu nachgeschlagen werden muss: das Wort heißt „el principio“ – der Anfang.

„Einmal sind da überall Blutspuren, ist das der rote Faden, ist er das?“, fragt sich Wendy, die nach Mexiko gekommen ist, um Pferderennen zu gewinnen und – konfrontiert mit den Realitäten dort – einer höheren Instanz das Versprechen abnehmen will auf keinen Tod Einfluss nehmen zu können. Denn die Linearität der Geschichte ist eine blutige und wir hören sie in verstörend realen Geräuschen und O-Tönen  aus Mexiko wie auch in einem aggressiven Punksong. Die Wucht mit der Wendy in ein grausiges Wonderland geworfen wird, in der sich die Welten der Lebenden und der Toten überschneiden, spürt man in den hochenergetischen Kompositionen von Rdeča Raketa.

„Normalerweise hört man auf die Bedeutung und überhört die Stimme. Man hört die Stimme nicht richtig, weil sie von der Bedeutung überdeckt ist, aber die Bedeutung ist gestorben und die Stimme des Gestorbenen, sie fragt mich: was willst du sehen?“, heißt es im Hörspiel. Und obwohl es im Hörspiel prinzipiell nichts zu sehen gibt, spannt das Hörspiel ein beeindruckendes akustisches Panorama auf.

Die Jury bestand aus der Vorjahrgewinnerin Tina Saum, der Schauspielerin Bettina Kurth, dem Medienwissenschaftler Golo Föllmer und dem Hörspielkritiker Jochen Meißner (Vorsitz).

 

Moderator Frieder Butzmann im Gespräch mit Natasha Gangl.

Natascha Gangl, Frieder Butzmann. Bild: Golo Föllmer.

Natascha Gangl, Frieder Butzmann. Bild: Golo Föllmer.

Edda Reimann. Bild: Golo Föllmer.

Edda Reimann. Bild: Golo Föllmer.

Edda Reiman erzählte von ihrer teilnehmenden Beobachtung (als Tonfrau) bei einer alternativen Pornoproduktion: „Willkommen in Pornotopia“. Ist das noch „female friendly“ oder schon „feminist porn“?
BHF2018_Reimann_Pornotopia_Trailer

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